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geschrieben am: 29.12.2001 um 17:05 Uhr
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aber eines würde mich noch interessieren:
hast du es jetzt geschafft, davon loszukommen?
und wenn ja: wie hast du das geschafft?
ja, ich hab damit aufgehört. das problem an sich ist nicht die selbstverstümmelung. sie ist vielmehr ein stummer hilferuf, ein weg, mit den eigentlichen problemen umzugehen. der falsche weg, natürlich.
mein hauptproblem war mein perfektionismus. ich musste immer und in allem glanzleistungen vollbringen, egal, ob es mein aussehen, meine schulischen leistungen oder meinen sport betraf. irgendwie hab ich bei all dem bemühen, es ständig allen recht zu machen, total an mir vorbei gelebt.
als meine eltern das mit der magersucht und der selbstverletzung richtig mitbekommen haben, wurde ich natürlich prompt von einem psychologen zum nächsten geschleppt. das hat mir ehrlich gesagt NULL gebracht. 2mal wöchentlich vor einer wildfremden person eine stunde lang meine gefühlwelt ausbreiten und am ende zu hören kriegen: sehr gut, blauetraene, ich sehe du setzt dich mit deinen gefühlen auseinander, hören wir uns nächsten montag wieder....
jedenfalls war ich mit und ohne therapie gleich schlau bzw. krank. mit dem abmagern hab ich von alleine aufgehört, als ichs mit der angst zu tun bekam noch dünner zu werden. alle glaubten natürlich: hey, das kind isst ja wieder! halleluja, sie ist gesund! da kann ja alles schön so weitergehn wie vorher...
da hab ich zum anderen extrem gegriffen: fressen bis zum umfallen. ich hab mich echt den ganzen tag lang mit allem vollgestopft, was mir zwischen die finger gekommen ist. innerhalb eines monates hab ich 20 kg zugenommen. ich hab mich in mein zimmer eingeschlossen und wollte nur noch tot sein. alle waren total entsetzt. meine eltern, meine freunde, meine professoren, meine trainer: blauetraene, die perfektionistin, der ewige sonnenschein, unser champion und wunderkind!!
naja, an spätestens an dem punkt hatte mein leben jeglichen sbisherigen sinn total verloren. es gab echt nichts mehr, für das es sich noch zu leben lohnte. ich wollte nicht mehr. nie mehr. wollte nicht mehr kämpfen, tag für tag, jahr für jahr...kämpfen wofür? für ein paar einser? meine eltern? meine professoren? für mich? MICH? ich wusste ja nicht mal, wer ich war. hatte es vielleicht nie gewusst. war ich die magersüchtige mit 45 kg oder das fressende monster mit 65? war ich die perfektionistin mit dem ewigen lächeln im gesicht oder die leere, kraftlose pessimistin unterm federbett die sich die arme blutig schneidet?
naja, jedenfalls waren alle total fertig. mam und paps griffen zur üblichen methode: kind, gibts denn nichts was du dir wünschst? nichts, was dir wenigstens ein winziges bisschen freude bereiten würde?
und mir fiel nichts ein. null. bis auf...einen hund. klingt jetzt vielleicht seltsam, aber hunde habe ich immer schon geliebt. natürlich kriegte ich den hund und ...naja: es wäre übertrieben zu behaupten,dass ich von einem tag auf den anderen aufhörte mich selbst zu verletzen oder zu fressen. aber ich machte weiter. ich hab nicht aufgegeben. ich fühlte mich immer noch beschissen, ich ging auch nicht zur schule und ich fragte mich immer noch, was ich überhaupt auf dieser welte suchte, aber ich machte weiter. tag für tag. und irgendwann, keine ahnung, woher das kam, konnte ich sogar wieder lachen. richtig lachen. ich bin dem roten kreuz beigetreten. als einziger weiblicher sani unter lauter männern. ich war stolz auf mich. ich hatte plötzlich das gefühl, meinem leben endlich die richtung zu geben, die mir gefiel. ich begann wieder wert auf mein äußeres zu legen. jungs vom roten kreuz verliebten sich in mich und auch wenn ich noch nicht bereit für eine beziehung war, so gaben mir ihre zuneigung, ihre komplimente doch unheimlich viel. ich fühlte mich zum ersten mal so angenommen, wie ich war.
mittlerweile bin ich von zu hause weggezogen, um medizin zu studieren. meine ernährungsweise ist immer noch katastrophal, innerhalb von 2monaten nehme ich 10kg ab, dann wieder zu...aber wenigstens verletze ich mich nicht mehr selbst. irgendwann hatte ich das messer in der hand und dachte mir: hey, wieso tust du das jetzt? warum verletzt DU DICH? wenn andere dir weh tun, dich quälen, dann musst doch nicht du dich dafür bestrafen! DU bist nicht schlecht, SIE sind die arschlöcher! also steck das messer weg und friss deinen kummer nicht in dich hinein!
naja, die theorie klappt leider nicht immer in der praxis. ich bin immer noch auf dem entweder oder trip: entweder volle leistung, super noten, superschlank und superfröhlich oder einfach nur fallenlassen, alles fallenlassen, nix lernen, nix trainieren, bloß essen und mich unterm federbett verstecken.
aber es wird schon werden. irgendwann. es muss. denn die zeit vergeht...so schnell...viel zu schnell...und ich hab ja nur dieses eine leben. mein leben. aber es ist so schwer...so schwer...seufz Geändert am 29.12.2001 um 17:08 Uhr von blauetraene |
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