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Das dunkle Internet als dunkle Gesellschaft

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geschrieben am: 22.07.2006    um 22:17 Uhr   
Achim H. Pollert (*) interviewt:

JACQUES PICARD über Menschenverachtung, Respekt und Internet

Jacques Picard, Jahrgang 1952, ordentlicher Professor für Allgemeine und Jüdische Geschichte und Kultur der Moderne an der Universität Basel, Studium in Fribourg, Bern sowie New York, Dr. phil., aufgewachsen in Zofingen und Bern, lebt mit seiner Lebensgefährtin in Zürich.
Picard ist einer der vielseitig interessierten Intellektuellen der Schweiz. Besonders stolz blickt er auf seine Tätigkeit an der Fachhochschule Bern zurück, wo er von 1985 bis 2001 als Dozent für Politik, Geschichte und Kultur tätig war und auch als Vorsteher des Ausbildungsgangs für Holzingenieure wirkte. ("Die Nähe zum konkreten Werkstoff Holz ist gut für einen Intellektuellen.") Im Rahmen seines akademischen Werdegangs war Dr. Picard stets auch gesellschaftlich engagiert, u.a. als Mitglied und Forschungsleiter der "Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg" von 1996 bis 2001.

In seiner Freizeit interessiert sich Jacques Picard für Wandern, Berge, Reisen (sehr gerne auch im nördlichen Europa) und freut sich an Kunst. In seiner Studienzeit hat er sich auch als Theaterregisseur versucht.

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"Die dunkle Seite des Internet ist die dunkle Seite der Gesellschaft"

POLLERT: Herr Prof. Picard, nach Ihrer Aussage ist menschenfeindliche antipluralistische Kommunikation kein spezifisches Problem des Internet. Vielmehr zeigen sich hier nur die gesellschaftlichen Verhältnisse im Abbild.

PICARD: Das ist keine neue Einsicht, aber doch eine wichtige Aussage. Und folglich müssen wir diesen Bestrebungen in erster Linie auf gesellschaftlicher Ebene und nicht zu allererst im Internet entgegentreten. Öffentliche Hetze, Aufstachelung zum Rassenhass u.ä. sind ja heute in vielen Ländern schon strafbar.

POLLERT: Besonders im Internet haben wir das Problem, dass Neonazis relativ einfach in Länder ausweichen können, in denen es solche Verbote nicht gibt.

PICARD: Wir reden übrigens nicht nur von Neonazis sondern ich benutze dazu den Begriff Antipluralismus. Zu solchen Antipluralisten gehören Antisemiten ebenso wie militante Juden, christliche Rassisten oder fundamentalistische Muslime. Ich könnte Ihnen jederzeit auch fanatische Hindus oder intolerante Buddhisten zitieren. Der Neonazismus ist eine moderne Form der Glaubensbildung, die ja auch mit entsprechenden Priestern, Symbolen und Riten auftritt.

POLLERT: Sicher. Aber zu der Frage des Ausweichens in andere Länder. Viele Formen solcher Propaganda sind z.B. in den USA nicht strafbar. Was sagen Sie einem Amerikaner, der nicht gegen Hass-Sites in seinem Land vorgehen will, weil er der Ansicht ist, dass man eine Meinung nicht verbieten kann, egal wie schräg, dumm und menschenverachtend sie sein mag?

PICARD: Es stimmt natürlich, dass man eine Meinung als solche nicht verbieten kann. Gerade die Vertreter Amerikas müssen sich an internationalen Tagungen und Plattformen immer wieder anhören, dass ihr Land eins der Zentren der menschenfeindlichen Propaganda ist. Einer der Gründe dafür ist sicher ein völlig anderes Staatsverständnis in den USA und auch eine viel grössere gesellschaftliche Vielfalt.

POLLERT: Aber wo würden Sie eine Lösung bezüglich Internet und Hetzpropaganda sehen?

PICARD: Mir geht es nicht darum, Meinungen zu verbieten - auch primitive und gemeingefährliche nicht. Wofür ich aber eintrete, ist eine Aufhebung der Anonymität im Internet. Wir wissen, dass rassistisches Gedankengut immer dort ganz besonders ins Kraut schiesst, wo Leute ihre Identität verschleiern können. So seinerzeit die Ku Klux Klan Aktivisten mit ihren weissen Umhängen. So heute die virtuellen Räume des Cyberspace. In diesem Sinne kann ein Medium sehr wohl das Gefäss für Aufklärung und Respekt sein, aber auch immer als das Problem selbst erscheinen.

POLLERT: Eigentlich ist es doch immer wieder traurig, dass Medien zu Trägern der Hetze werden.

PICARD: Ja, es ist sehr trist. Aber ich hege die Hoffnung, dass wir für Verhältnisse sorgen können, unter denen die Menschen mit ihren Aussagen identifizierbar werden. Das trägt zumindest dazu bei, dass ein Grossteil der schäbigen Meinungsmache verschwindet oder zumindest entlarvt wird. Erfahrungsgemäss haben viele Antipluralisten nicht den Mumm, namentlich zu ihrer hetzerischen Meinung zu stehen.

POLLERT: Sie haben als einer der Keynote Speaker auf einem politischen Forum, einer Tagung der OSZE in Wien, gegen die Anonymität plädiert und wurden dafür gar in der New York Times zitiert. Was aber sagen Sie zum Prinzip der Redefreiheit?

PICARD: Das ist eine Frage der Abwägung. Inwieweit die eine oder andere Forderung nach Offenlegung der Urheberschaft auch das Grundrecht auf Redefreiheit berührt, ist zu bedenken. Anonymität schadet letztlich der Redefreiheit. Gerade auch im Internet. Dagegen ist die Forderung nach Transparenz, wie ich sie in Wien unterstützte, ein ganz wichtiges Element aller Meinungsäusserungsfreiheit. Mit der allgemeinen Transparenz auf anderen Gebieten, z.B. in Geschäfts- und Finanzfragen, haben ja besonders auch die Amerikaner nicht die geringsten Probleme.

POLLERT: Dass das Internet selbst nicht das Problem ist sondern eigentlich nur die gesellschaftliche Realität abbildet, ist ebenso banal wie bestechend zutreffend.

PICARD: Ich habe hier lediglich allgemeine Einsichten auf ein politisches Forum getragen. Dabei stütze ich mich auf mehrere wichtige Quellen. Der Grundgedanke geht zunächst weit zurück ins 18. Jahrhundert, als sich etwa G.E. Lessing und Moses Mendelssohn in Berlin mit der Semiotik, der späteren Wissenschaft von den Symbolen, in durchaus politischer Absicht befassten. Dort lässt sich schon nachlesen, dass es zwischen dem Objekt (d.h. der sozialen Realität in der Gesellschaft) einerseits und dem Symbol (d.h. den Zeichen, welche Sprachen wie das Internet heute ausmachen) andererseits einen grundlegenden Unterschied gibt. Man darf beides nicht in eins setzen und so soziale Realität und mediales Abbild miteinander verwechseln.

POLLERT: Was heisst das?

PICARD: In Tat und Wahrheit sitzt der Antipluralismus in der realen Gesellschaft selbst, und nicht etwa im Internet. Politik muss mit menschenverachtenden Ideen auf gesellschaftlicher Ebene fertig werden. Das Internet als solches schafft kein neues unmenschliches Gedankengut. Vielmehr werden im Medium die einzelnen Aussagen immer wieder neu kopiert, wiederholt, wiedergegeben. Eine wichtige eigenständige Forschung im Rahmen der Arbeitsgruppe www.violence.unibas.ch hat diese Devianz eindrücklich festgestellt. Demnach würden wir nichts gewinnen, wenn wir gegen das Internet selbst vorgehen. Miteinander vernetzte Gruppen wie www.inach.org, welche Rassismus im Internet beobachten und Antipluralismus bekämpfen, haben hier ja einige Erfahrungen vorzuweisen.

POLLERT: Warum müssen wir uns eigentlich überhaupt damit auseinandersetzen? Kann man nicht einfach Spinner Spinner sein lassen?

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geschrieben am: 02.09.2006    um 14:40 Uhr   
jop, in dem Sinne einer Schädigung usw. seh ich das ein, aber ansonsten net ^^
(Bin nämlich noch lang net so doof wie ich ausseh:D)

DerToteMensch
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geschrieben am: 31.08.2006    um 20:32 Uhr   
ich hoffe, du hast anhand meiner beispiele trotzdem verstanden, warum die rechtslage so ist wie sie ist.

wie gesagt: in der praxis sieht das schon etwas anders aus und da haben du und sirius natürlich insoweit recht, dass nicht jeder gleich die gesetze bemüht (wie in diesem beispiel).
allerdings sieht es nicht jeder so unverkrampft (in manchen fällen sogar berechtigt) und daher sollte man das kopieren und veröffentlichen von fremden texten schon abwägen.

und im zweifelsfall tut ne kurze anfrage an den autor (z.b. per email) auch nicht weh...
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Nutzer: DerToteMensch
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geschrieben am: 31.08.2006    um 20:02 Uhr   
jo, so seh ich das eigentlich auch, vor allem im Sinne des o.g. Interviews ^^
Ich glaub nicht, dass der Kerl dafür irgend nen Preis gekriegt hat, und der "Fiese Dieb" ihm da irgendwas an Ruhm abläuft oder ihm gar schädigt ^^

Nun ja...so sind se halt die Korinthenkacker ^^

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geschrieben am: 31.08.2006    um 10:15 Uhr   
Zitat von: 3rdforce
1) angenommen du füllst deine homepage mit den inhalten der harry potter-bücher und ziehst auf diese weise millionen von harry potter-fans an: frau rowling hat die arbeit (denkt sich die geschichten aus) und du hast den nutzen (die millionen besucher auf deiner hp). nicht so prikelnd für frau rowling, oder?

2) noch n beispiel: du schreibst ein schönes gedicht und der landesverband einer rechtsgerichteten partei nutzt es für seine zwecke (evtl. sogar in einem anderen kontext). wie würde dir das gefallen? und vor allem: wie würde es dir gefallen, wenn du nichts dagegen tun könntest?
Zu 1. würde mir nie passieren, da ich mich bis heute erfolgreich geweigert habe, die Mainstream Bücher von Frau Rowling zu lesen. (Es sei ihr gegönnt, aber man "muß" gar nix lesen!) Also kann es jeder der diese Bücher ebenfalls nicht liest, durch Zufall genau die gleichen Worte/Wortstellung schreiben und es ist kein Plagiat. Es ist nicht immer alles "Urheberrechtlich zu begründen. Gerade bei Zitaten sind es oft sehr viele Menschen welche den gleichen Gedanken, Gedankengang haben und dies sehr wohl in den gleichen Worten ausdrücken.

Zu 2. .....Aus dem Schädel der Gedankenfurz,

..............niedergeschriebenm auf Papier,

..............und Dir, du Dieb, ist mein geistiges Werk völlig schnurz,

..............du Dieb, du klaust den Furz einfach mir.


Also geistiges Eigentum oder nicht, aber da sehe ich es schlicht und einfach so: Nicht jeder Furz aus dem Hirn ist wirklich eine geistige geniale epochenübergreifende Erleuchtung für die Menscheit. Und da darf der Autor froh sein, wenn überhaupt jemand das liest.



Satan);)



Bei geistiger Überforderung..lösen Sie sich doch in Luft auf!
  TopZuletzt geändert am: 31.08.2006 um 10:18 Uhr von SatanEstSirius
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geschrieben am: 31.08.2006    um 01:04 Uhr   
naja, oft genug hat der autor auch kein problem damit (oder kriegt es nicht mit), sonst wären unsere gerichte wohl vollends überlastet. ^^
auf der anderen seite ist es sein geistiges eigentum und er hat das recht darüber zu entscheiden, wo, wie, vom wem und wofür es genutzt wird...
angenommen du füllst deine homepage mit den inhalten der harry potter-bücher und ziehst auf diese weise millionen von harry potter-fans an: frau rowling hat die arbeit (denkt sich die geschichten aus) und du hast den nutzen (die millionen besucher auf deiner hp). nicht so prikelnd für frau rowling, oder?
noch n beispiel: du schreibst ein schönes gedicht und der landesverband einer rechtsgerichteten partei nutzt es für seine zwecke (evtl. sogar in einem anderen kontext). wie würde dir das gefallen? und vor allem: wie würde es dir gefallen, wenn du nichts dagegen tun könntest?
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geschrieben am: 30.08.2006    um 23:53 Uhr   
ja aber warum eigentlich? wenn ich ihn zitiere, woher ichs hab, und von wann das is, damit mach ich ihm doch eigentlich keinen schaden, im Gegenteil, ich verbreite vielleicht eher unbekannte sachen weiter, zu seinem Nutzen, so wie das interview hier...ist doch net sein schaden oder doch? ich versteh da irgendwie den Sinn dieser Regelung net

DerToteMensch
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geschrieben am: 30.08.2006    um 21:31 Uhr   
generell kannst der verfasser eines textes gegen dich vorgehen, wenn du sein werk ungefragt nutzt - im netz und anderswo...
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geschrieben am: 30.08.2006    um 20:54 Uhr   
nö, wusst ich net ^^ d.h. wenn ich n kompletten Artikel aus dem Netz zieh, samt angaben von wem und wo erschienen kann ich verklagt werden?

DerToteMensch
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geschrieben am: 30.08.2006    um 19:23 Uhr   
sag blos, es hat sich bis zu dir noch nicht rumgesprochen, dass das internet kein rechtsfreier raum ist und die urheberrechte auch dort gelten?

gut, bei zitaten gibt es gesonderte regelungen. aber ein kompletter artikel ist weissgott kein "zitat"
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Nutzer: DerToteMensch
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geschrieben am: 30.08.2006    um 17:55 Uhr   
lol?

Also ich zitier andauernd aus dem Netz, ich dachte immer, solang ich den Urheber benenn, is das in Ordnung, oder gehts unserem netten GHOSTWRITER (was für ein geiles Wort^^) einfach nur um den guten Umgangston, der ein Zitieren trotz benennen aber ohne vorheriges Nachfragen verbietet?

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geschrieben am: 29.08.2006    um 11:14 Uhr   
Hallo,

Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn von mir öffentlich publizierte
Beiträge irgendwo anders abgeschrieben werden.

Und es sollte mich natürlich ehren, wenn solche Beiträge auf Interesse
stossen.

Trotzdem ersuche ich DRINGEND, mich künftig vorher über einen solchen
Abschreiber zu informieren. Ich will nicht zufällig darüber stolpern, wenn
es geht.

Gruss

Achim H. Pollert
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geschrieben am: 22.07.2006    um 22:18 Uhr   
PICARD: Neben ethischen Überlegungen wie Menschenwürde und Respekt, die aus sich selbst verständlich sind, dürfen wir nicht vergessen, dass der Antipluralismus mit sehr erheblichen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Folgekosten verbunden ist. Denken Sie nur an die unbestreitbare Tatsache, dass offene Gesellschaften wirtschaftlich um ein Vielfaches erfolgreicher sind als andere. Alleine schon deshalb ist es verfehlt, dass jemand angepöbelt wird oder dass man ihm mit Vorurteilen begegnet, weil er Jude, Schwarzer, Schweizer, Araber oder was sonst immer ist. Die Kosten durch Chancenverluste in der Wirtschaft sind erheblich. In innovativen KMUs ebenso wie in multinational agierenden Unternehmen wird heute darauf geachtet, ein möglichst pluralistisches Profil unterschiedlichster Mitarbeitender zu haben, um das Ideen- und Marktspektrum zu erweitern.

POLLERT: Sie sagen, das Problem heisst eigentlich nicht Internet. Ist es nicht aber doch so, dass bestimmte Allianzen erst heute mit dem Internet möglich werden? Ich denke da z.B. an die starke gegenseitige Online-Befruchtung von Neonazis und radikalen Zionisten in Frankreich, die das gemeinsame "Feindbild Araber" entdeckt haben. Ohne das Internet gäbe es diese Allianz doch wohl nicht.

PICARD: Es ist schwer zu sagen, was es ohne das Internet nicht geben würde. Wir wissen ja nicht einmal, ob es jenseits dieses Mediums nicht auch früher schon Beziehungen zwischen diesen beiden Gruppen oder anderen Gruppen gegeben hat. Was wir mit dem Internet als "Globalisierung" bezeichnen, ist gewiss umwälzend, aber diese Entwicklung hat historisch gesehen eine schon weit längere Kontinuität. Um ein ganz anderes Beispiel für ein Medium zu nehmen: Rossinis schöne Oper "Der Barbier von Sevilla", dessen Melodien wir noch heute gerne vor uns hinsummen, wurde 1816 in Rom uraufgeführt - und zwei, drei Jahre später nur war er schon in London und New York, in Paris und Berlin, in Petersburg und Stockholm zu sehen, und dies stets in den jeweiligen Ortssprachen. In der Zeit der Segelschiffe war das ein enormes Tempo. Im selben Tempo verbreiteten sich auch damals schon Verschwörungstheorien, Skandale oder Verleumdungsbilder, die auch bis heute "Ohrwürmer" des Denkens geblieben sind.

POLLERT: Bei Antipluralisten, wie Sie sagen, handelt es sich ja doch schlussendlich um kleine Splittergruppen von einigen hundert Leuten. Wie gross schätzen Sie eigentlich die Gefahr ein, dass deren Gedankengut über ein Medium wie das Internet in den gesellschaftlichen Mainstream überschwappt?

PICARD: Es besteht grundsätzlich und immer die Gefahr, dass der sogenannte Normalbürger solchen Gedanken aufsitzt. Dafür braucht es allerdings eine Reihe von ungünstigen Bedingungen, um eine Anhängerschaft mobilisieren zu können.

POLLERT: Schlechte Konjunktur?

PICARD: Eigentlich weniger. Eine schwache Wirtschaftslage trifft alle einigermassen gleichmässig. Weit gefährlicher ist der Drift zwischen Vermögenden und Verarmten, d.h. der Zerfall sozialer Netze, die für einen stabilen Mittelstand stehen. Wer seine relative soziale Position zu verlieren glaubt, gerade weil er mit dem Tempo der Modernisierung nicht Schritt halten kann und sich als "Verlierer" wähnt, wird ja oft zu Recht verunsichert. Aber damit ist man auch ansprechbar für bestimmtes negatives Gedankengut, für Heilserwartungen aller Art oder z.B. dafür, dass bestimmten Gruppen als vermeintliche Sündenböcke abgestempelt werden. Ausserdem gibt ja auch Rassisten und Fundamentalisten, die aus durchaus reichen Verhältnisse kommen, wie der 11. September 2001 gezeigt hat.

POLLERT: Stichwort Transparenz und Abschaffung der Anonymität im Internet. Herr Prof. Picard, was sagen Sie, wenn jemand dazu erklärt, dies wäre technisch nicht machbar?

PICARD: Es handelt sich bei dieser Forderung um einen "medienethischen Anspruch". Es ist eine Angabe über ein gemeinsames Ziel, das über einen breiten Konsens angestrebt werden soll. Und bei einem ethischen Ziel dürfen wir uns nicht in erster Linie fragen, wie wir es technisch realisieren wollen, sondern ob es eine gemeinsame Überzeugung zum Ausdruck bringt.

POLLERT: Sehen Sie dabei den Gesetzgeber gefragt?

PICARD: Ich glaube an die Kraft des Liberalismus. So wäre bei der Rückführung der Anonymität im Online-Wesen durchaus auch eine Art von Ehrenkodex der Provider vorstellbar. Eine explizit auferlegte Selbstkontrolle der Branche - ähnlich wie bei den Schweizer Banken für die Entgegennahme von Geldern heute. Von mir aus muss darüber nichts im Gesetzbuch stehen, da es ja bereits internationale Konventionen gibt, die das Problem thematisieren. Da genügt für Schweizer und Schweizerinnen ein Blick in die Publikationen der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, auch wenn mir klar ist, dass in vielen Staaten der Welt dieses Anliegen noch sehr im Argen liegt. Sollte sich die IT-Branche indessen auf längere Sicht nicht auf einen solchen Kodex verständigen, wird das den Gesetzgeber in den einzelnen Staaten zwangsläufig in Bewegung bringen, wenn internationale Konventionen eingehalten werden sollen - das zeigen ja geschichtliche Erfahrungen in anderen Bereichen. Es ist also im Interesse der Branche, hier möglichst selbst vorzugreifen.

POLLERT: Das Internet ist durch viele dieser virtuellen Schlupfwinkel - von Rassismus über Kinderprostitution bis zu Wirtschaftsbetrug - in einem bestimmten öffentlichen Bewusstsein in Verruf geraten. Wäre es nicht ganz gut, wenn man auch die positiven Aspekte in den Vordergrund rücken würde. Gerade im Bereich von Antipluralismus könnte das Medium doch bestens als Instrument der Aufklärung dienen.

PICARD: Ich will es einmal so sagen: Wer heute Information und Aufklärung im Internet sucht, der wird auf jeden Fall fündig. Bei zentralen Stiftungen und staatlichen Stellen und ihrer Verbreitung in der Öffentlichkeit haben wir allerdings auch hier wieder das Problem der Finanzierung.

POLLERT: Jacques Picard, herzlichen Dank für dieses Gespräch.


(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist,
Fachautor und Ghostwriter mit
Tätigkeitsschwerpunkt in der Schweiz.
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