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geschrieben am: 02.08.2002 um 23:31 Uhr
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Liebe ist psychische Gesundheit
Psychische Gesundheit und Liebesfähigkeit sind eng miteinander verwebt. Der psychisch gesunde Mensch ist offen, er erlebt jeden Augenblick in voller Wachheit und Klarheit. Seine Wahrnehmung der Realität ist nicht getrübt oder abgestumpft, weil er nichts abwehrt, sondern alles, was im Augenblick geschieht und ihm begegnet, zuläßt. Er verfälscht also nicht die Wirklichkeit über die sogenannten Abwehrmechanismen (über die ich jetzt nicht näher eingehen will).
Im Geist des psychisch Gesunden befinden sich keine Reste unverarbeiteter Erlebnissen oder Gefühlen, da er sie in jedem Augenblick direkt verarbeitet. Wenn er Kummer oder Ärger hat, dann ärgert er sich sofort und schiebt den Ärger nicht ins Unterbewußte ab. Wenn er traurig ist, dann ist er es sofort, und lenkt sich nicht ab, sondern lebt seine Trauer im aktuellen Moment. Wenn er Angst hat, dann flieht er nicht nach vorn in die Aggression - um nur ein Beispiel zu nennen - oder zurück, in die Anpassung, sondern er stellt sich der Angst, er gibt vor anderen und sich selbst zu, daß er Angst hat, und er lebt seine Angst durch, er steht zu ihr, er fühlt sie mit Aufmerksamkeit, denn nur so wird sie ihn nicht länger belasten, als sie ihn real belastet. Jede zukünftige Angst ist dann neue Angst, es verwischt sich mit ihr keine Reste von alter, unbewältigter Angst, weil er durch jede Angst voll erlebend hindurchgeht.
Das ist für viele sicherlich schwer zu verstehen, weil ihre Seele vielleicht voll von alten Ängsten ist, die immer wieder niedergekämpft werden müssen und die sich im Alltag in vielen Situationen einschleichen und immer wieder Abwehrmechanismen auslösen.
Dieses seelische Verhalten der psychischen Gesundheit ist in unserer Gesellschaft sehr selten anzutreffen, denn die Mehrzahl der Menschen ist nicht psychisch gesund, sondern krank. Die seelische Störung ist die Regel, nicht die Gesundheit, wie es eigentlich sein sollte.
Der Mensch ist als hochstrukturiertes Wesen überaus anfällig für seelische Störungen, und es wäre für ihn deshalb so sehr wichtig, zu lernen, wie er sich psychisch gesund hält. Dieses Wissen wird jedoch nirgendwo gelehrt, weder im Elternhaus noch in der Schule, noch in den Abendkursen der VHS. Jeder ist im Umgang mit seiner Psyche auf sich selbst angewiesen, und oft kann er mit Bekannten und Freunden nicht einmal darüber reden, weil es den meisten Menschen unangenehm ist, darüber zu sprechen, über etwas, das so nebulös, dunkel und angsterregend ist wie die eigene Seele und die des anderen. Das Seelenleben ist immer noch eines der großen Tabus in unser auf andern Gebieten progressiven und aufgeklärten Zeit.
Die Liebesfähigkeit ist in direkter Weise mit der psychischen Gesundheit verbunden. Der Bereich der liebenden Zuwendung ist bei den meisten Menschen besonders komplexhaft mit verdrängten psychischen Schmerzen behaftet.
Wenn schmerzliche Erlebnisse der Lieblosigkeit und Abweisung nicht sofort verarbeitet werden, was bei den meisten Menschen die Regel ist, sondern durch Abwehrmechanismen beiseite geschoben werden, dann bleiben Komplexe, die das Verhalten in Zukunft stören und neue Schmerzen hervorrufen.
Es entsteht ein Teufelskreislauf, der den Menschen immer mehr in die Verhärtung, Abkapslung und Gefühlspanzerung heineinführt. Wir müssen lernen, aus dieser Störung unserer Liebesfähigkeit wieder herauszufinden, weil wir nur dann frei, glücklich und gesund werden können. Wenn wir andere lieben können, offen, ohne Angst, in voller Klarheit und Bewußtheit, dann fühlen wir uns wohl und gesund - wir fühlen uns nicht nur so, wir sind es auch!
Die Fähigkeit zu lieben ist von zentraler Bedeutung. Wie gelangt man zu ihr, zu dieser Voraussetzung für psychische Gesundheit und Lebensfreude? Einige Wege habe ich bereits zu beschreiben versucht: es sind Zuwendung, Geben, ohne auf das Bekommen zu achten, Meditation, Aufmerksamkeit und Klarheit der Realitätserfahrung, Selbstfindung, ohne sich im Spiegelbild der anderen manipulieren zu lassen, Offenheit, die spontane, direkte Verarbeitung alles dessen, was im Moment geschieht. Nur dann ist Klarheit gewährleistet, und ich bin in jedem Moment wieder neu geöffnet, zu lieben ohne Angst.
Gesundheit heißt jedoch nicht, keine Angst mehr zu haben, nicht mehr traurig zu sein. Das alles läßt sich nicht vermeiden, so sehr das auch viele wünschen und mit Abwehrtechniken zu erreichen versuchen, sie wollen eigentlich "unverwundbar" sein, "ein dickes Fell haben". Das gibt es jedoch nicht. Kein Lebewesen auf dieser Erde ist körperlich oder seelisch unverwundbar, auch keine Maschine, kein Roboter, keine unbeseelte Materie.
Gesundheit heißt deshalb, sich der Verwundbarkeit bewußt sein, sie akzeptieren, in absoluter Offenheit, ohne Angst vor dem Morgen, weil sich nur dann schöpferisches Leben entfalten kann. Wer sich schützen will vor der Liebe, stellt sich gegen das Leben, und das hat Kummer, Stumpfheit, Leid, Neurosen und langsames Dahinvegetieren zur Folge.
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